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Dienstag, 20. Februar 2018

Open-Source für München - Ein Projekt mit Internationalem Signalcharakter

Open-Source für München - Ein Projekt mit Internationalem Signalcharakter

 

Die Stadt München plant in den kommenden Jahren 13.000 Arbeitsplatzrechner auf das lizenzkostenfreie Betriebsystem Linux umzustellen. Die Stadt hofft neben geringen haushaltswirksamen Aufwendungen auf positive Impulse für den lokalen IT-Markt. Stefan de Greiff , Pressesprecher  des IT Dienstleisters Connecta AG, sprach mit der verantwortlichen Stadträtin Christine Strobl.

 

Frau Strobl, wie ist der generelle Status des Münchner Linux-Projekts? 

Strobl: Nach der Erstellung der Feinkonzeption ist nun tatsächlich mit der Umsetzung in die Praxis begonnen worden. Wie vom Stadtrat beschlossen, ist eine Projektgruppe eingesetzt und damit im verwaltungstechnischen Sinne auf den Weg gebracht worden. Die Ausschreibung des Basis Clients, also des eigentlichen Linux Betriebsystems in der Basisversion, wurde gerade erfolgreich abgeschlossen. Aktuell läuft der Prozess der Abstimmung zwischen Verwaltung und Anbieter. Ebenso ist die beschlossene externe Beratung in der Ausschreibungsphase.

 

Sie sind teilweise auf erhebliche Widerstände gestoßen. Mit welchen Argumenten konnten Sie diese Widerstände überwinden? 

Strobl: Zunächst muss man feststellen, dass ohnehin eine Umstellung unserer Software nötig war. Wir mussten uns entscheiden, ob wir beim Anbieter Microsoft bleiben und deren aktuelle Windows Lösung verwenden, oder ob wir uns für eine Open-Source Lösung, also Linux entscheiden. Letztlich waren die entscheidenden Argumente die geringeren haushaltswirksamen Mittel der Linux-Variante verbunden mit den Zukunftsperspektiven für die Stadt München als führenden Standort für Informationstechnologie.

 

Welche Auswirkungen hat das Projekt auf den Etat der Landeshauptstadt genau? 

Strobl: Eine von uns in Auftrag gegebene Studie, die die Migration nach Linux mit der Migration nach Windows XP verglichen hat, kam zu dem Ergebnis, dass die Linux-Version ca. 33,7 Mio Euro kostet, während die Microsoft-Variante mit 31,9 Mio Euro zu Buche schlägt.

 

D.h. die Microsoft-Variante wäre kostengünstiger gewesen? 

Strobl: Auf den ersten Blick war das erheblich nachgebesserte Angebot von Microsoft in der Tat günstiger. Man muss allerdings zwischen haushaltswirksamen und nicht-haushaltswirksamen Mitteln unterscheiden. Nicht-haushaltswirksame Mittel sind z.B. die für die Linux-Umstellung notwenigen Schulungskosten für das Personal und der damit verbundene Verlust an Arbeitszeit. Unter Berücksichtigung diese Umstandes, führt die Linux-Variante zu geringeren haushaltswirksamen Kosten. Hinzu kommen geringere Kosten für Software-Upgrades. Das Fortbildungskonzept ist übrigens auch gerade in Arbeit.

 

In der Vergangenheit ist Ihnen allerdings immer wieder vorgeworfen worden, das Müncher Linux Projekt beruhe auf einer ideologischen Entscheidung. 

Strobl: Das ist natürlich nicht der Fall. Für uns ist entscheidend, was für die Stadt sinnvoller ist. Außerdem sind wir auch keinesfalls eine microsoftfreie Zone. So basiert das Schulungsprojekt der Stadt München, das übrigens einen wesentlich größeren Umfang als das Linux-Projekt hat, weiterhin auf Microsoft-Produkten. Auch daran ist sehr gut zu erkennen, dass wir uns nicht von ideologischen Motiven bei der Auswahl unserer Auftragnehmer leiten lassen.

 

Welche gesamtwirtschaftliche Bedeutung messen sie dem Linux-Projekt bei? 

Strobl: Es ist wohl unumstritten, dass Microsoft noch immer eine Monopolstellung bei Betriebsystemen hat und auch in absehbarer Zukunft haben wird. Allerdings haben wir durch unsere Entscheidung Bewegung in den Markt gebracht. Dies hat viele positive Effekte. Es wurde uns z.B. von einigen Seiten bestätigt, dass Microsoft inzwischen zum Teil kundenfreundlicher geworden ist.

 

Gab es gesellschaftliche Gruppen wie Jugendliche, Bildungseinrichtungen oder Unternehmerverbände, die sich besonders positiv zu der Migration geäußert haben?  

Strobl: Wir haben sehr viel Zustimmung bekommen, von kleinen bis mittelständischen Unternehmen bis hin zu Universitätskreisen. Auch ganz „normale Leute“ haben sich sehr positiv geäußert. Insgesamt haben wir eine breite Zustimmung erfahren.

 

Ihr Vorhaben gilt als Projekt mit nationalem und internationalem Signalcharakter. Zeigt sich zum heutigen Zeitpunkt auch schon Interesse anderer öffentlicher Einrichtungen an Ihren Erfahrungen? 

Strobl: Das Interesse ist in der Tat gewaltig. Wir waren beispielsweise auf Messen wie der Cebit und der Systems vertreten und hatten dort einen überdurchschnittlich großen Zulauf. Meist waren es Verwaltungen, die Interesse an Details der Umsetzung hatten. Auch generelle Anfragen nach allgemeinen Erfahrungen wurden immer wieder gestellt.

 

München gilt als ein international führender Standort für Informations- und Kommunikationstechnik. Lässt sich heute schon heute abschätzen, welche Auswirkungen Ihr Projekt auf den Standort haben wird? 

Strobl: Um dies genau abschätzen zu können, ist es wohl noch ein wenig zu früh. Wir stellen aber bereits fest, dass sich kleine bis mittelständische Unternehmen bemerkbar gemacht und aktiv ihre Dienstleistungen angeboten haben. Außerdem erwarten wir zum Beispiel, dass in München zukünftig mehr Softwareentwicklung stattfinden wird.

 

Wie sind die Erfahrungen bei der Akzeptanz des Projekts von den betroffenen Mitarbeitern? 

Strobl: Die Mitarbeiter stehen natürlich im Spannungsfeld einerseits zu auf das neune System zu migrieren und andererseits den laufenden Betrieb aufrecht erhalten zu müssen. Es gibt Bereiche bei der Stadt, die sehr stark mit Fachanwendungen zu tun haben. Dort können natürlich größere Probleme auftreten, besonders wenn es Anwendungen betrifft, die von Linux derzeit noch nicht einwandfrei unterstützt werden. Umstellungen sind für Mitarbeiter natürlich immer schwierig, besonders wenn sie nicht genau wissen, was da eigentlich auf sie zukommt. Deshalb haben wir ein Kommunikationsteam, welches dafür zuständig ist, in diesen Problembereichen zu assistieren.

 

Sie sprachen gerade von Fachanwendungen – können diese denn alle so einfach migriert werden und in eine Linux-Umgebung eingepasst werden? Und wenn einzelne Applikationen nicht migrierbar sind, müssen diese sich dann dem Gesamtprojekt unterordnen, also in letzter Konsequenz neu programmiert werden? 

Strobl: Sie müssen sich natürlich dem Gesamtprojekt unterordnen. Wir haben festgestellt, dass sich einige Anbieter bewegen und Linux-basierte Versionen ihrer Programme herausbringen. Beispielsweise SAP mit dem neuen kommunalen Rechnungswesen. Andere Unternehmen sehen noch nicht ausreichend Bedarf für eine Linux-Version ihrer Programme. Es laufen dazu gerade Gespräche und Verhandlungen mit den verschiedenen Anbietern. Im Prinzip werden wir so sukzessive unserem Ziel näher kommen. Wir haben schließlich einen langen Zeitraum eingeräumt, um die geplante „weiche“ Migration durchzuführen.

 

Gibt es noch weitere Vorhaben der Stadt, die im Zug des Projekts angegangen werden? 

Strobl: In der Tat hat sich bei der Feinkonzeption herausgestellt, dass wir unsere IT-Strategie insgesamt überdenken müssen. Beispielsweise hat jede Dienststelle ihr eigenes Formular für bestimmte Geschäftsvorfälle. Hier gibt es große Synergieeffekte, die wir realisieren werden. Im Laufe von 20 bis 25 Jahren schleicht sich einiges ein, das neu überdacht werden muss..

 

Wir bedanken uns für dieses Gespräch. 

Das Interview führte Pressesprecher der Connecta AG Stefan de Greiff. Die Connecta AG ist ein seit 1998 bestehender bundesweit tätiger IT Dienstleister.
( www.connecta.ag )

 

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